Fotos: Stefan Reichmann

Tanja Prušniks künstlerische Fortsetzung der Serie unter dem Kürzel „gnp“, aus dem Gedenkjahr 2005, „UTOPIA_gnp2“, setzt die Darstellung einer „anderen“ Art Landschaft fort – eine Landschaft mit politisch-geschichtlichem Hintergrund. Die dargestellte Landschaft, nunmehr fast „konkretisierter“, die stilisierte Natur im Raum, sollte zum Verweilen einladen, jedoch zu einem zurückblickenden Verweilen in einer geprägten Zeit und ihrer Umgebung. Symbol für die Utopie der Freiheit, nunmehr eine gelebte!

Die Serie entstand im Zuge einer Umschlaggestaltung für die Neuauflage von „Gämsen auf der Lawine“ von Karel Prušnik-Gašper, in dem der Widerstandskampf der Kärntner Partisanen gegen das mörderische Dritte Reich und die nationalsozialistische Gewaltherrschaft von 1938 bis 1945 beschrieben wird.

Die künstlerische Aufarbeitung dieser Thematik ist eine sehr persönliche und eine nicht enden wollende. Es ist die eigene Geschichte, eine Art Vergangenheitsbewältigung einer zwar nicht selbst erlebten, jedoch noch immer präsenten Familienhistorie.

71 Jahre kann aber auch jene Zeitspanne sein, die die nachfolgenden Generationen brauchen, um Geschehnisse verarbeiten zu können, die weit über persönliche Geschichten reichten, vielmehr Teil einer Historie wurden.

Anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats der Universität Klagenfurt an Peter Handke am 8. November 2002 empfahl der solcherart Geehrte allen im Auditorium Anwesenden das Buch mit der Aufforderung „Lesen sie gefälligst!“ zur Lektüre. Peter Handke selbst las dieses Buch etliche Male und versah es mit Anmerkungen und Kommentaren, trug in seinem Handexemplar die Daten seiner eigenen Familienbiographie ein und überlagerte sie mit den Schilderungen in Gašper-Prušniks Buch. Anklänge von „Gamsi na plazu“ wirken auch in Handkes „Immer noch Sturm“ (Suhrkamp Verlag, Berlin 2010) nach.

Es dominieren farblich drei (symbolische) Grün- bis Brauntöne – Natur, Wald, Schutz, Geborgenheit in all seiner Rauheit. Die Überschreitung der „Bildformate“ in das Objektuale wird in Form der Bild-Stelen als säulenartige Architekturgebilde „aus“ Bildern fortgesetzt.

Diese architektonische Anordnung zwingt den Rezipienten gleichsam dazu, verschiedenste Blickwinkel einzunehmen. Der Betrachter bzw. die Betrachterin müssen aktiv werden, um die verschiedenen Ansichtsmöglichkeiten auszuloten und um jeweils das von einem bestimmten Blickwinkel aus „Verborgene“ im wahrsten Sinne des Wortes zu „ersehen“.

Tanja Prušnik inszeniert mit ihren Bildarchitekturen eine beinahe unendliche Variabilität der Erscheinungsweisen ihrer Bildobjekte – jeder Betrachter muss sich so eine eigene Wahrnehmungs- und davon abhängige Erscheinungsform „erarbeiten“. In dieser Vervielfachung und Variabilität der möglichen Bildansichten erweist sich die „Relativität“ des Sichtbaren, das eben immer nur „in Relation“ zu einem „Beobachter“ erscheint. Alles mit einem Blick zu sehen, bleibt eine Utopie, aber man kann vieles sehen …(Auszug Erwin Fiala)

Wahrnehmungssensibilisierung als Strategie einer künstlerischen Intervention und die Stele als visuell ausgerichteter Anreiz zum Perspektivenwechsel stehen im Fokus dieser Ausstellung mit Arbeiten von Tanja Prušnik.

Die explizite Frage nach dem Blickwinkel, dem Standpunkt innerhalb eines möglichen Gesamten stellt die Architektin und Künstlerin aus Kärnten/Koroška bewusst in dem Raum. Ihre Objekte fordern die Betrachtenden intuitiv dazu auf, genau hinzuschauen, Perspektiven zu ändern, die Wahrnehmung zu schärfen und auch das Dahinter – die sichtbar gemachte Rückseite – zu bemerken.

Tanja Prušnik entzieht in ihrer diesbezüglichen Serie dem einzelnen abstrakten Gemälde seine solitäre Individualität und stellt es in den Kontext einer neuen Ordnung. Zu Stelen angeordnete Bilder, gestapelt und durch in ihren Abständen exakt bemessene Spalten sichtbar gemacht, doch niemals im Gesamten, sondern je nach Betrachtungsblickwinkel und Perspektive liegend oder schwebend, wirken irritierend und hinterfragen herkömmliche Sehgewohnheiten.

 

Zum Buch

Bücher haben ihre Zeit. Einige sind ihrer Zeit voraus. Als Oral History noch kein Begriff war, hat Karel Prušnik-Gašper seine Erinnerungen aufgeschrieben. In slowenischer Sprache erschienen sie erstmals 1958. Als in Österreich noch kaum einer vom Widerstand gegen den Faschismus sprach, Jahre vor der im Präsidentschaftswahlkampf 1986 beginnenden Debatte, welche Rolle ein Pferd und sein Halter dabei spielten, wurden die »Gämsen auf der Lawine« (damals geschrieben: Gemsen) 1980 auf Deutsch publiziert. Es war das erste aus dem Slowenischen übersetzte Buch, das im österreichischen Fernsehen gewürdigt wurde. Dieter Seefranz selig entführte uns in der Nachrichtensendung »Zehn vor zehn« in die Steilhänge der Karawanken und hat, gemeinsam mit den Berichten von Robert Buchacher im »profil«, einen regelrechten Boom des Interesses an der Geschichte des slowenischen Widerstandes in Kärnten ausgelöst. Eines der großen Tabuthemen der österreichischen Zeitgeschichte wurde entzaubert, ein Türspalt zur (gerechteren) Behandlung des Widerstandes geöffnet und der Nachweis erbracht, warum Österreich in der Moskauer Deklaration 1943 nicht nur als Täter, sondern auch als Oper gelten konnte – dank des Widerstandes slowenischer Mägde und Knechte, Bauern, Holzfäller, Taglöhner, Hausfrauen, Hilfsarbeiter, Schüler und unzähliger  Namenloser.

Vom ersten Erinnern bis zur Anerkennung der historischen Tat dieser Menschen – die innerhalb des »Tausendjährigen Reiches« zu den Waffen gegriffen haben, um ihre Familien, ihre Höfe, ihre Huben, die eigene Sprache, die eigene Kultur, ihr Leben und das Leben ihrer von Aussiedlung bedrohten Verwandten zu verteidigen und zu retten – sind Jahrzehnte vergangen. Ihr Handeln war nach dem Sieg über den Aggressor lange gesellschaftlich verpönt, ihr Mut – sich trotz Angst und Tod vor Augen zu erheben und couragiert für das Allgemeinwohl einzustehen – wurde in den Dreck gezogen und verunglimpft, war Beleidigungen ausgesetzt und wurde landesweit belächelt.

Persönliche Erinnerungen sind immer subjektiv. Sie sind aber zugleich auch Lehrstoff und jenes Material für die Aufarbeitung durch die Wissenschaft, aus dem spätere Generationen Mut und Stolz, und aus den Irrtümern (vielleicht) auch ihre Lehren ziehen, wenn sie wollen. Es ist nicht Aufgabe des sich Erinnernden, alles objektiv und auf Punkt und Beistrich richtig dargestellt zu haben. Es ist aber auch nicht Aufgabe des Verlegers, dabei den Rotstift anzusetzen, zuallerletzt in einem Land, das nach Jahrzehnten kaum begonnen hat, sich der eigenen Geschichte zu stellen (und dabei noch oft genug in die braune Jauche tritt – und nicht selten wissenschaftlich objektiviert).

35 Jahre sind lang, 35 Jahre sind aber auch kurz. Davor galten Partisanen als Banditen. Heute gedenkt man ihres Mutes zunehmend mit Achtung und Würde. Die slowenische Sprache und Kultur ihrer Familien tritt aus dem Schatten, ihre seit Jahrhunderten klingende Melodie ist Teil des Konzertes, bereichernd im Vielklang der Stimmen, sie ist gut hörbar und wird erstmals verstanden, auch wenn es immer weniger sind, die sie anstimmen. Trotz alledemLojze Wieser, Verleger

Gämsen auf der Lawine“  532 Seiten, Buch und Materialienband im Schuber, €21,– ISBN 978-3-99029-039-2

www.wieser-verlag.com

www.prusnik.com    tanja.prusnik@prusnik.com

Die Kunstwerke sind erwerbbar.

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